Besuch eines Zeitzeugen des KZ Flossenbürg am SGT
Als Jack Terry im Jahre 1995 sah, dass sich nun auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers in Flossenbürg ein Fabrikgebäude und ein Park befanden, wo Kinder auf dem Rasen und unter Bäumen spielten, als wenn an diesem Ort nie etwas passiert gewesen wäre, beschloss er für sich, nie wieder hierher zurückzukommen. Jedoch konnte er davon überzeugt werden, seine Meinung zu ändern, und seitdem kommt er regelmäßig aus New York in die Oberpfalz und spricht u.a. mit Schülern der Oberstufe über das Erlebte.
So auch im Februar, als er Gast am Stiftland-Gymnasium in Tirschenreuth war.
Nach der Begrüßung durch Schulleiter Georg Hecht informierte der Schüler Lukas Faltenbacher Jack Terry über das Vorhaben des P-Seminars „Geschichte“, eine Führung durch das KZ-Flossenbürg zu planen und durchzuführen.
Daraufhin stellte Jack Terry sich den Schülern vor. Als jüngster Sohn jüdischer Eltern wuchs er in einer kleinen polnischen Stadt nahe Lublin auf. Mit dem Beginn des 2. Weltkriegs begann für ihn und seine Geschwister eine Zeit, geprägt von Entbehrungen und Verachtung.
Seine Familie wurde schließlich im Oktober 1942 von ukrainischen Soldaten festgenommen und in Arbeitslager deportiert, wobei der Vater und eine Schwester vom Rest der Familie getrennt wurden. Während der ersten Deportation in Waggons voller Hitze, Schmutz, Hunger und Durst, gelang es Jack Terry, nach Hause zu fliehen, wo er seinen erschossenen Bruder fand.
Bei seiner nächsten Deportation, welche auch an Auschwitz vorbeiführte, wurde er in ein Arbeitslager gebracht, in welchem er auf den Kriegsverbrecher Amon Göth traf, welcher allen Jungen befahl, sich auf den Bauch zu legen, um sie anschließend nacheinander zu erschießen. Um diesem Schicksal zu entkommen, band Jack Terry sich Steine unter die Füße, damit er größer wirkte und wurde so den Männern zugeteilt.
Bei der Selektion der „arbeitsfähigen“ Frauen sollte seine zweite Schwester von seiner Mutter getrennt werden, und als diese sich weigerte, erschoss man zuerst seine Schwester vor den Augen der Mutter und danach die Mutter selbst. Das alles im Beisein von Jack Terry. Auch den Rest seiner Familie sollte er nie wieder sehen. Nach weiteren Deportationen kam er im August 1944 schließlich in Flossenbürg an.
Im Anschluss stellten die Schüler Fragen zu seiner Zeit im Lager und wollten zunächst wissen, welcher Ort auf dem ehemaligen KZ-Gelände bei Ihrer Führung auf keinen Fall fehlen sollte. Der ehemalige Häftling nannte ihnen den Appellplatz, da dieser für ihn von symbolischer Bedeutung sei. Er schilderte, dass er dort oft stundenlang stehen musste, hungrig, dreckig, und es war kalt. An solchen Tagen wurden sie von den Offizieren, die mit geputzten Zähnen, sauber und warm gekleidet, erschienen, als „Untermensch“ oder „Drecksack“ beschimpft.
Auf die Frage, ob es während der Häftlingszeit Freundschaften untereinander gab, antwortete der Gast schlicht: „Nein. Das gab es nicht.“ Dr. Terry erklärte den interessierten Schülern, dass es eigentlich unmöglich war, Freundschaften zu schließen, denn schon am darauf folgenden Tag konnte der andere tot sein. Seiner Aussage zufolge hätte eine derartige Freundschaft nicht funktioniert, die Häftlinge hatten „keine emotionalen Energien“. Allerdings erwähnte er Carl Schrader, den Revierkapo, der ihm trotz allem wie ein Freund war, denn er half Terry, sich zu verstecken und so dem Todesmarsch zu entkommen.
Nach seiner Ankunft in New York besuchte er gleich die High School. Danach studierte er mithilfe eines Stipendiums und wurde schließlich Geologe. 1955 reiste er zum ersten Mal nach seiner schrecklichen Zeit im KZ beruflich wieder nach Deutschland. Dort machte er eine Wanderung mit deutschen Geologen –unter anderem auch nach Flossenbürg. Bei diesem Ausflug bemerkte einer der Deutschen: „Ach übrigens: Da unten war mal ein Lager. Aber es war nicht so schlimm.“ Obwohl im Innersten tief getroffen, erwiderte Jack Terry nichts. Beeinflusst durch die Erlebnisse im KZ, die ihn selbst in seinen Träumen nicht losließen, beschloss er schließlich, Psychologie zu studieren. Er wollte verstehen, wie die Psyche eines Menschen beschaffen sein muss, der solche Gräueltaten begeht. Er absolvierte die Medical School, besuchte Vorlesungen, schrieb Prüfungen, nahm an Fortbildungen teil, um schließlich resigniert festzustellen: „ Und ich weiß es heute noch nicht.“ Auf die Frage nach seiner Einstellung zu den Deutschen berichtete er, dass er lange Zeit nach dem Krieg gebraucht habe, die Geschehnisse zu verarbeiten, jetzt aber jeden Menschen als Individuum betrachte. Wenn er jedoch Leuten gegenübersteht, die die Vergangenheit leugnen, macht ihn das wütend. Auch die Gedenkstätte und das Museum in Flossenbürg „geben den ehemaligen Häftlingen wie mir ihre Menschenwürde zurück.“ In der Zeit ihrer KZ-Haft wurden sie als „Dreck“ angesehen und ebenso menschenunwürdig behandelt.
Abschließend bekräftigte Jack Terry den Grund seines Besuches mit den Worten: „Ihr Schüler sollt aus meiner Geschichte lernen, damit nie wieder solche schrecklichen Dinge geschehen.“
Schüler sowie Lehrer waren nach diesem Gespräch eine gerührte und interessierte Menge an Applaudierenden. Beeindruckt von der Stärke, dem Willen, der Persönlichkeit und der Vergangenheit eines Mannes – Jack Terry.

