Romeo und Julia im 21. Jahrhundert

Die Eigenproduktion „Schwarz und Weiß“ des Stiftland-Gymnasiums

Schwarz & Weiß

„Warum nur?“ Mit dieser Frage endeten die beiden überzeugenden Vorstellungen der Theatergruppe der Mittel- und Oberstufe des Stiftland-Gymnasiums ihrer Eigenproduktion „Schwarz und Weiß“ unter der Leitung von Martina Schmelzer. Warum müssen Romeo und Julia sterben?

Das Ensemble transferierte den fast schon archetypischen Stoff der Liebenden aus zwei verfeindeten Häusern in die Lebens- und Erfahrungswelt Jugendlicher im 21. Jahrhundert. Dabei lieferte ein von Hans-Jürgen Schmelzer verfasstes Jugendstück aus dem Jahr 2004 das Textgerüst, welches aber von der Gruppe selbst angereichert wurde  durch Zitate aus der Weltliteratur von Catull über Shakespeare und Goethe bis hin zur Moderne sowie aus der Welt des Schlagers und der Popmusik und selbstverfasste Textbeiträge.

In manchen Szenen kam die beeindruckende Aufführung dabei mit nur ganz wenigen Worten aus, um die Botschaft des Stückes zu vermitteln: die Unmöglichkeit einer Liebe in einer Welt voller Hass, Feindschaft, Eifersucht und Vorurteilen. Ob diese Feindschaft zwischen den Schwarzen und den Weißen auf Rassismus, Standesdünkeln, religiösen Differenzen oder anderen Gründen beruht, lässt die Inszenierung bewusst offen. Es geht vielmehr um die destruktiven Mechanismen bornierter Gegnerschaft allgemein, einer Feindschaft, die schon so alt ist, dass keiner mehr die Gründe dafür kennt.
Die Liebe zwischen Romeo und Julia  erstrahlt in der verrohten Welt von „Schwarz und Weiß“ in einer Reinheit, die per se schon zum Scheitern verurteilt ist, weil das Umfeld ihr keinen Raum gibt. Die Schwarzen und die Weißen lassen eine solche Annäherung nicht zu – das tragische Ende ist somit vorprogrammiert. Maxima verprügelt zunächst ihre Schwester Julia und, als Romeo sie zur Rechenschaft ziehen will, auch noch diesen. Der wehrlos am Boden liegende Junge wird schließlich von Jago, diesem Prototypen des Intriganten, der sich aus Shakespeares Othello ins Stück geschlichen hat, aus schnöder Eifersucht kaltblütig erschossen: Eine Tat, die er als Selbstmord fingiert. Julia findet schließlich ihren toten Geliebten und wählt den Freitod als letzten Ausweg aus einer Welt ohne Liebe. In einer ergreifenden Beisetzungsszene werden Romeo und Julia zwar im Tod vereint, die Frage nach dem Warum hallt aber nach und hinterlässt den Zuschauer betroffen.

"Romeo und Julia" 2018

Es war beeindruckend zu sehen, wie es der Theatergruppe gelang, bei nahezu völligem Verzicht auf Kulisse Bilder von hoher Intensität und Eindringlichkeit auf die Bühne zu bringen. Beeindruckend auch, mit welcher Souveränität die jungen Schauspieler ihre Rollen verkörperten und mit welcher Flexibilität sie ihre Charaktere und damit auch den Zuschauer durch ein Wechselbad der Gefühle führten.
Ideenreichtum, Originalität  und Mut zur Provokation charakterisierten die durch und durch gelungene und mitreißende Inszenierung. Wenn beispielsweise die Wahrsagerin Romeo eine glorreiche Zukunft vorgaukelt, gleichzeitig aber in einer Pantomime sein wahres Schicksal vorgeführt wird, entsteht ebenso ein Gänsehautgefühl wie in einer herzzerreißenden Szene, in der Julia, begleitet von Romeo am Klavier, deren Liebe geradezu prophetisch mit den Worten „I keep bleeding love“ besingt. Überhaupt überzeugte der häufige Einsatz von Musik, die selten nur als Untermalung diente. Viel häufiger erzählte sie die Geschichte von „Schwarz und Weiß“ mit und verlieh ihr Nachdruck.

Alles in allem bot die sensible und unterhaltsame Aufführung der Theatergruppe alles, was gutes, pädagogisch durchdachtes Schultheater ausmacht, und hätte deshalb mehr Zuschauer verdient gehabt. Das Publikum aber, welches die Darbietung gebannt verfolgte, entschädigte die Spieler und deren Leiterin mit anhaltendem Beifall.

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